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Donnerstag, 12. Januar 2012

E.O. Wilson - Ameisenroman - Raff Codys Abenteuer

Der junge Raphael Semmes Cody hat von klein auf nur einen Wunsch, nämlich sein Leben als Biologe zu bestreiten. Diese Begeisterung rührt von seiner Heimat im Süden der USA, dem Nokobee. Eine noch unberührte Landschaft, mit teilweise unerforschten Pflanzen und Tieren. Schön früh erkennt der Bursche, dass die heutige Gesellschaft und ihre politischen, vor allen Dingen lobbyistischen Verflechtungen dazu führen werden, dass sich profitgierige Unternehmen daran versuchen, sich das Land unter den Nagel zu reißen. Auf Anraten seines Onkels schreibt sich „Raff“ an der Eliteuniversität in Harvard in Cambridge ein und studiert Jura. Er erkennt, dass er nur als Jurist für Umweltangelegenheiten eine Chance hat, das heimatliche Land in seiner Natürlichkeit zu belassen. Und so entbrennt ein taktisches Drahtziehen zwischen den Interessengruppen, gespickt mit klugen vorausschauenden Gesprächen und sonstigen Maßnahmen, die möglicherweise zum Erfolg führen können. Immer aus der Sicht des jeweiligen Interessenverbandes. Insofern bietet uns der Autor ein gutes Stück amerikanische Politik, wenn auch hier in der Hauptsache auf lokaler Ebene.

Apropos Autor: Edward Osborne Wilson, der zahlreiche und bedeutende Beiträge zur Evolutionstheorie geschrieben hat, präsentiert uns in seiner Eigenschaft als Spezialist für Ameisen und den Pheromonen in einem 90-seitigen Exkurs das Leben dieser Insekten, ihr Sozialverhalten, den Auf- und Niedergang eines ganzen Volkes. Das Ganze ist für den „normalen“ Leser so leicht nachvollziehbar und spannend zugleich, so dass man niemals das Gefühl bekommt, dass sich  dieser Roman in ein Sachbuch verwandelt. Spannend und überzeugend! Mit der Frage: Können Umweltschutz und kommerzieller Fortschritt miteinander einher gehen?

Der „Ameisenroman“ ist Gesellschaft, ein wenig Politik, es ist ein Krimi und zeitweise ein kurzweiliger Thriller, der im Hintergrund immer das Biogische mit sich führt. Das liest sich einfach und unterhaltsam. Da leuchtet schnell ein, warum dieses Buch so lange auf der Bestsellerliste der New York Times stand.

ISBN-10: 3406621988
ISBN-13: 978-3406621987
432 Seiten
erschienen am 19. September 2011
C.H. Beck

Freitag, 9. Dezember 2011

Jón Kalman Stefánsson - Der Schmerz der Engel

Jón Kalman Stefánsson nimmt uns mit auf eine Reise in Richtung des nördlichen Polarkreises. Island, die Insel im Nordatlantik, im Winter eisig kalt, mit rauen Naturgewalten, bergig und für einen Mitteleuropäer einsam. Menschen, die auf sich selbst gestellt sind, mit eigenen Spielregeln, an denen sich ihr Leben orientiert. Hart und grenzwertig.

Ein Junge, ein Waisenkind, und der Landbriefträger Jens begeben sich auf eine Postreise. Sie stemmen sich gegen die Naturgewalten, immer nah ab Abgrund und vor allen Dingen auf einem ganz schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Island pur? Der Autor zeichnet für mich ein Bild eines zwar unwiderstehlichen, aber auch kaum zu bezwingenden Landes, welches durch die mehr oder weniger abschreckenden, aber faszinierenden  Beschreibungen Ehrfurcht einflößt, Respekt einfordert, aber auch auf der anderen Seite eine Menge an Sympathie und Liebenswürdigkeiten beim Leser hervorruft.

Dem werden insbesondere auch die Charaktere der Protagonisten gerecht. Der Junge, schon belesen und deswegen ein bisschen weiser als sein großer, lebenserfahrener Hüne. Der hingegen strotzt nur so vor Energie, kann hart und unversöhnlich mit sich selbst sein, und wirkt dennoch im späteren Verlauf der Geschichte auf den jungen Begleiter etwas angewiesen. Am Rande kann man erahnen, dass auch das Thema Freundschaft eine wichtige Rolle spielt. Mehr aber ist es die gegenseitige Verlässlichkeit, auf die es im Kampf gegen die Naturgewalten ankommt.

Dieses Buch ist zudem ein kleiner Gesellschaftsroman, wenn auch nur fast ausschließlich im ersten Teil des Buches. Der Einfluss der Kaufleute, die gesellschaftliche Stellung einer Arztfamilie, die Rolle der Frau in der isländischen hierarchischen Gesellschaftsstruktur und, man höre und staune, die Literatur selbst, sind interessante Aspekte, die dem Leser nahe gebracht werden. Das Ganze ginge natürlich noch viel intensiver und ausführlicher, so dass die beschriebene Reise und ihre Strapazen im zweiten Teil dieses Werkes und die damit verbundenen Inhaltsstoffe wahrlich bewusst, manchmal etwas ausufernd, von Stefánsson mehr in den Mittelpunkt gerückt wurden.

Das Buch liest sich nicht immer leicht. Dies stellt kein Problem dar, denn der Autor schafft es mit seiner intensiven, aber sanften Ausdruckskraft schnell, den Leser in den Geschehensablauf hinein zu ziehen. Fern ab von einem gewöhnlichen, aber unterhaltenden Actionroman wird man Zeuge eines Überlebenskampfes gegen die Gewalten der Natur, von zwei „Männern“, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Sehr lesenswert!

ISBN-10: 3492053904
ISBN-13: 978-3492053907
343 Seiten
erschienen im September 2011
Piper

Dienstag, 8. November 2011

Howard Jacobson - Die Finkler-Frage

Wenn man gerne Gesellschaftsromane liest und den US-Autor Philip Roth kennt, dann weiß man auch über Howard Jacobson Bescheid. Sollte man annehmen. Doch dem dürfte in den allermeisten Fällen, erstaunlicherweise, nicht so sein. Jacobson ist Brite und hat überwiegend in der Heimat seine Bücher veröffentlicht. Immerhin hat ihm das mit 68 Jahren den Booker-Preis eingebracht. Da Jacobson sich, ebenso wie Roth, der jüdischen Tradition verpflichtet sieht, hält er auch in „Die Finkler-Frage“ daran fest. Und wie!!!

Julian Treslow, ein 50-jähriger Engländer, erfolglos, ehemals bei der BBC beschäftigt, Vater von 2 Söhnen und ansonsten nur gescheiterte Beziehungen im Gepäck, befindet sich eines Abends , nach einem Treffen mit seinen beiden jüdischen Freunden Samuel Finkler und Libor Sevcik, zu Fuß auf dem Nachhauseweg, als er Opfer eines Überfalles wird. Den Raub hat eine Frau verübt, was bei Treslow jedoch vielmehr und eindrucksvoller hängen bleibt. ist seine Wahrnehmung, dass die Täterin ihn mit den Worten „Du Jud“ beschimpft. Jedenfalls bildet er sich das ein. Und das bedeutet für Treslow den Startschuss, im jüdischen Dasein endlich eine Identität zu finden.

Klar, Jacobson ist auch politisch und satirisch, sprachlich gewandt, mit spaßigen, jederzeit wertvollen Dialogen. Wie zu erwarten, machen die beiden „echten“ Juden dem Wunschjuden Treslow schnell klar, dass man als Jude lange und intensiv leiden muss. Das kann man sich nicht selbst aneignen, auch nicht mit dem Erlernen der hebräischen Sprache. Ohnehin ist ordentlich politischer Zunder bei den Beteiligten vorhanden. Für Samuel Finkler gibt es nur Palästina und kein Israel. Finkler stellt schon seit Kindeszeiten für Treslow genau das dar, was er sich unter einem beispielhaften Juden vorstellt.

Mit Hepzibah Weizenbaum begibt sich Treslow auf ein jüdisches Liebesabenteuer, ganz nebenbei eröffnet die Dame in London ein Museum für anglo-jüdische Kultur. Jüdisches Dasein in der heutigen Gesellschaft im heutigen Leben der britischen Hauptstadt. Wie geht das? Auf all das findet Howard Jacobson vielleicht nicht die abschließende Antwort, aber er liefert plausible Hintergründe. Mal nachdenklich, mal sich selbst hochnehmend. Das ganze Buch, von der ersten bis zur letzten Zeile, ist zwar anspruchsvoll, aber es ist ein wahrer Lesegenuss. Mit das beste, was ich in abgelaufenen Sommer lesen durfte. Ein Aspirant auf mein Buch des Jahres 2011.

ISBN-10: 3421045232
ISBN-13: 978-3421045232
436 Seiten (Leseexemplar)
erschienen am 12. September 2011
Deutsche Verlags-Anstalt

Freitag, 22. Juli 2011

Philip Roth - Nemesis

Im Sommer 1944 plagt die Bürger von Newark im Staate New Jersey eine schier unerträgliche Hitze. Es sind Ferien, und diejenigen, die es sich leisten können, verbringen die Zeit an der See. Die anderen bleiben zu Hause. Eugene „Bucky“ Cantor“ ist ein junger Sportlehrer, der wegen seiner Sehschwäche nicht in den Krieg ziehen darf. Stattdessen beaufsichtigt er die spielenden Kinder und Jugendlichen auf dem heimischen Sportplatz im jüdischen Stadtteil Weequalic. In der Ferne, an der Front im Zweiten Weltkrieg, sterben Soldaten, und in Newark greift eine Polio-Epidemie um sich, die mit zunehmender Intensität die ersten Todesfälle in der Heimat fordert. Betroffen davon sind auch Jugendliche, über die „Bucky „Cantor die Aufsicht führt... 

In diesem Buch beweist Philip Roth erneut, dass er zu den wichtigsten Gegenwartsautoren aus den USA gehört. Er zeichnet mit „Bucky“ Cantor einen Charakter, der die Grundlage für alle weiteren und wichtigen Aussagen in diesem Buch bildet. Aufgewachsen bei seinen Großeltern, weil die Mutter bei der Geburt verstarb und der Vater wegen Geldunterschlagung die Familie verlassen musste, entwickelt er ein regelgerechtes Pflichtbewusstsein. Er kommt aus recht ärmlichen Verhältnissen und träumt, wie viele andere Menschen auch, durch redliche Arbeit von einem eigenen Haus mit Garten. Der Autor zeigt allerdings auf, dass ein übertriebenes Pflichtbewusstsein einen Menschen durchaus schwächen kann. Ein Gewissen zu haben ist wunderbar, allerdings nur so lange es nicht dazu führt, dass man sich für etwas verantwortlich macht, was man keinesfalls zu verantworten hat. 

Und es steht natürlich die Frage im Raum, auch von den Hinterbliebenen von Polio-Opfern, warum und wieso gerade dieser Junge oder dieses Mädchen, warum ausgerechnet unser Sohn oder unsere Tochter? Gibt es im Leben Gerechtigkeit? Wohl eher nicht, so deute ich Philip Roth‘ seine Antwort im Roman. Der Autor geht sogar noch einen Schritt weiter. Es geht um das persönliche Verhältnis zu Gott. Wie kann Gott es zulassen, dass so eine, damals noch unbezwingbare Krankheit über die Menschen herfällt und seine Opfer fordert? Ist die eigene Bildung von beinahe Hassgefühlen gegenüber Gott mit dem Gewissen noch vereinbar und ist es zulässig, Gott für das Unheil verantwortlich zu machen? Was „Bucky“ Cantor über weite Strecken in „Nemesis“ in seinem Umfeld erlebt und verarbeitet, weitet sich gegen Ende zu einer persönlichen Tragödie für den Protagonisten aus. Eine intelligente nochmalige Zusammenfassung der aufgezeigten Problematiken über persönliches Schicksal und den Fragen nach Gewissen, Gerechtigkeit und dem Verhältnis zu Gott.  Hätte „Bucky“ Cantor wegen seines Verantwortungsbewusstseins anders handeln müssen?

Die Sprache von Roth ist in diesem Roman sanft und weich, und dennoch sehr eindringlich. Niemals überanstrengend und vollkommen strukturiert werden die Problemfelder aufgezeigt und auf beeindruckende Art und Weise in die Geschichte eingebunden. Die Polio mag in den zivilisierten Industriestaaten keine Rolle mehr spielen, der Weltkrieg ist längst beendet und die Spuren weitestgehend beseitigt, alles andere in diesem Roman ist aktueller denn je. In einer Welt, in der sich täglich Tragödien ereignen, Menschen dabei ums Leben kommen oder unerträgliches Leid erfahren. Von denen, die mit ihrem persönlichen Schicksal hadern gar nicht zu reden. Ist der eigene Zorn gerecht? Weltliteratur!

ISBN-10: 3446236422
ISBN-13: 978-3446236424
220 Seiten
erschienen am 07. Februar 2011
Carl Hanser Verlag

Donnerstag, 16. Juni 2011

Kerstin Ekman - Tagebuch eines Mörders

Kerstin Ekman, ohne Frage eine der bedeutendsten schwedischen Autoren, entführt den Leser in das Stockholm zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Eine Zeit, in der man mit der Konfirmation als erwachsen galt und in der die Psychiatrie noch „als moderne Modewissenschaft“ abgetan wurde. Wenn Frauen sich auf Stellen bewarben und somit dem männlichen Pendant diese streitig machten, so war „dies ein Ausdruck schlecht verwalteter Staatsfinanzen“. Die Tatsache, dass der schwedische Schriftsteller Hjalmar Söderberg für seinen Roman „Dr. Glas“ aus dem Jahr 1905 heftigste Kritiken hatte einstecken müssen, greift Kerstin Ekman hier als eine Art Einstieg und vor allen Dingen tatsächlichen Hintergrund auf (s. auch Kerstin Ekmans Nachbemerkung ab S. 240).

Pontus Revinge ist Arzt, ein mehr oder weniger schlechter Arzt, den sein Selbstbild trügt. Revinges niedergeschriebene Notizen sind das Tagebuch eines Mörders. Er trifft bei einem (erfundenen) Treffen mit dem Schriftsteller Hjalmar Söderberg diesem gegenüber die Aussage, dass eine Zyankali-Kapsel die Möglichkeit des perfekten, nicht aufklärbaren Mordes bietet. Und es gilt „Leben ist Handlung“. Und so tötet er selbst seinen Arbeitgeber mittels einer Zyankali-Kapsel, heiratet dessen Frau und Witwe und bekommt im weiteren Verlauf eine unüberwindbare, fast panische Angst vor einer Obduktion des Getöteten. Gepeinigt von dieser Angst ist Revinge fortan mit steigender Intensität und stetig zunehmenden Angst auf der Suche nach Moral und einer Antwort auf die Frage nach der Schuld für eigenes Handeln, denn er beging seine Tat mehr oder weniger „unabsichtlich“ und er ist sich nicht sicher, ob das, „was geschah, wert ist, Mord genannt zu werden“. Hinzu kommt, dass Pontus Revinge der festen Überzeugung ist, dass ihm Hjalmar Söderberg für seinen Tipp für dessen Roman  zu Dank verpflichtet ist. Es scheint absurd, wie seine spätere Erwartungshaltung ist. 

Dieses Buch ist AUCH ein Krimi und es bleibt bis zuletzt offen, ob dieser Fall geklärt wird oder nicht. Doch die Aufzeichnungen von Revinge sind mehr als das. Sie sind ein Psychogramm eines Menschen, der nach vielem strebt, kaum etwas auf dem für unser heutiges Verständnis gängigen Weg erreicht, der ein gestörtes Verhältnis zu erwachsenen Frauen hat, die Witwentochter jedoch liebt. „Eine Frau ist nichts anderes als eine blutende Wunde. Blutet diese nicht mehr, ist die Frau geschlechtslos“, so die brutale Sichtweise über Frauen und somit für den Leser in diesem Roman das Weltbild des Protagonisten von der weiblichen Zunft. Kerstin Ekman erleichtert es uns etwas, dies zu erkennen, da Revinge später mit der jungen, aber modernen Nachwuchsärztin Ida Tjenning konfrontiert wird, die ihm zwar auf die Schliche kommt, die Tat jedoch nicht beweisen kann.

Fazit: Die altmodische, jedoch nicht schwierige Sprache erfordert Aufmerksamkeit vom Leser. Und momentan habe ich das Gefühl, dass ich das Buch noch mindestens ein zweites Mal lesen muss und auch will, um noch mehr zu verstehen, was ausgedrückt und beschrieben werden sollte. Dieser Roman hat mich sehr beeindruckt. Dies ist ein großartiges Buch. Aber es ist für MICH auch ein literarisches Schwergewicht. Große und anspruchsvolle Literatur!

ISBN-10: 9783492054270
ISBN-13: 978-3492054270
erschienen im Februar 2011
256 Seiten
Piper Verlag

Donnerstag, 9. Juni 2011

Patrick Süskind - Das Parfum _ Die Geschichte eines Mörders





Wie sieht ein Kindsmord in Paris in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus? Jean Baptiste Grenouille kommt an einem Fischstand zur Welt, seine Mutter trennt die Nabelschnur und lässt den Säugling zwischen den Fischresten unterhalb des Tisches liegen. Das Kind trägt keinen Geruch an sich selbst, doch werden Düfte und Gerüche das weitere Leben bestimmen. Der ausgeprägte Geruchssinn des Protagonisten und das Streben zum größten und erfolgreichsten Parfumeur Frankreichs aufzusteigen, kostet Menschen das Leben und zeigt auf, wie ein Außenseiter in der Gesellschaft zu Ruhm und Ehre kommen kann, weil er mit seinem Schaffen andere bedient, die ausschließlich auf sich selbst bedacht und dazu bereit sind, zum eigenen Wohle über sog. Leichen zu gehen.

Der Autor lässt uns am Leben eines Außenseiters teilhaben, einem Menschen mit Fehlern, die sich aus den außergewöhnlichen Fähigkeiten des Geruchssinns ergeben. Ein von den Mitmenschen kaum feststellbarer Ehrgeiz und ein über das gewöhnliche Maß hinausgehendes Durchhaltevermögen treiben Grenouille an, seine Ziele zu erreichen. Wir tauchen ein in ein Paris, in dem Sklaverei von Menschen einer anderen Klasse als sozial adäquat galt und in dem sich der Status eines Menschen in der Gesellschaft aus allem ergibt, nur nicht aus eigener und ehrlicher Schaffenskraft. Sich mit fremden Federn zu schmücken ist nicht nur en vogue, sondern für viele die einzige Möglichkeit, sich Gehör und Anerkennung zu verschaffen.

Dieses Buch mag in weiten Teilen gesellschaftskritisch erscheinen, aber ich empfinde es nicht als Abrechnung mit der französischen Hauptstadt und den damals dort lebenden Menschen. Und noch weniger sehe ich „Das Parfum“ als einen historischen Roman. Die Gegebenheiten sind der notwendige Rahmen, um das kurze Leben von Grenouille auf beeindruckende Art und Weise darzustellen. Wie viele davon Fiktion sind? Keine Ahnung, aber hier werden auch Grenzen aufgezeigt, bei denen sich beim Überschreiten nachvollziehbar erklärt, warum jemand den Rückzug antritt, um sich in Einsamkeit und Abgeschiedenheit selbst zu reinigen. Das Parfum und der Geruchssinn, exemplarisch als Maske, hinter der sich eigentlich eine menschliche Tragödie abspielt, weil es anderweitig nicht möglich wäre, Anerkennung in der Gesellschaft zu finden.

Sprachlich kann ich diesen Roman nicht einordnen, es ist ein Spagat zwischen der Moderne des 20. Jahrhunderts (1985) und antiquarischen Sprachfetzen, insbesondere von Grenouille, aber auch von dem gemeinen Volk in Paris des 18. Jahrhunderts. Irgendwie erscheinen mir manche Begriffe mehr auf die Handlung zugeschnitten, als das die verwendete Sprache ein wirkliches Abbild dessen ist, wie man sich zur damaligen Zeit wirklich artikuliert hatte. 
Ich mache mir für gewöhnlich wenige Gedanken über Cover. Aber die Tatsache, dass sich auf der Vorderseite ein Ausschnitt aus dem Gemälde „Jupiter und Antiope“ von Antoine Watteau befindet, ist durchaus erwähnenswert, gilt die nackte Achsel der schlafenden Antiope doch als Sinnbild der duftenden Verführung (Quelle: wikipedia).

Fazit: Trüge jeder Krimi, denn immerhin beinhaltet dieser Roman den Zusatz „Die Geschichte eines Mörders“, so viele wichtige Aussagen in sich, dann wäre „Das Parfum“ von Patrick Süskind nichts Besonderes. So aber ist dieser Roman mehr als ein Krimi und Gesellschaftsroman. Es ist ein Stück Weltliteratur geworden!

ISBN-10: 9783257065404
ISBN-13: 978-3257065404
erstmals erschienen 1985
319 Seiten
Diogenes Verlag

Montag, 30. Mai 2011

Jonathan Franzen - Freiheit


Der Roman „Freiheit“ von Jonathan Franzen ist vielleicht DER amerikanische Gesellschaftsroman schlechthin. Und nach „Die Korrekturen“ dürfte der Autor spätestens jetzt neben Philip Roth zu einem der bedeutendsten US-Gegenwartsautoren avanciert sein. Eine Familie aus der amerikanischen Mittelschicht steht im Mittelpunkt dieses 30-jährigen Epos, in dem es nicht nur um Freiheit, sondern ganz besonders auch um Moral geht. 

Patty, in jungen Jahren eine ambitionierte Basketballspielerin, heiratet Walter Berglund eigentlich nur, weil sich dieser als Einziger wirklich um sie kümmert. In Wahrheit steht sie auf Walters besten Freund Richard, einen Rockmusiker. Walter und Patty haben zwei Kinder. Joey und Jessica,  und wohnen zu Beginn dieses Buches in einem netten Häuschen in St. Paul. Politisch ist die Familie bei den Demokraten angesiedelt, nicht zuletzt auch, weil Pattys Mom eine Berufsdemokratin ist. Da mutet es schon seltsam an, als der ungehobelte, rotzfreche Nachbar mit einem Pickup vorfährt, auf dessen Stoßstange die Worte „Ich bin weiß und ich gehe wählen“ zu lesen sind.

Als das Ehepaar ohne ihre Kinder (den Auszug des Sohnes hat Patty übrigens nie verkraftet) nach Washington zieht, befindet sich Joey längst mitten in seinem Studium und hat sich in seiner Sichtweise den Republikanern zugewandt. Tochter Jessica spielt in diesem Roman eher eine untergeordnete Rolle, vielmehr handelt es sich bei dem vierten Protagonisten um Richard, dem Draufgänger und Musiker, mit dem Patty zwischenzeitlich eine kurze Affäre hatte. Walter nimmt einen etwas seltsamen Job im Bereich des Umweltschutzes an. Es geht um den Schutz eines Singvogels, dem Pappelwaldsänger. Es soll neuer Lebensraum geschaffen werden, auch wenn der anderweitige Umweltschutz darunter enorm leidet. Mit Geld ist eben alles möglich.

Klingt alles unspektakulär? Ist es ganz und gar nicht, denn man lernt hier eine Menge über den verbliebenen amerikanischen Traum. Ein Blick hinter die Kulissen, was in der neuen Welt wirklich abgeht und wie sie funktioniert und droht, zu zerbrechen.

Bis zu Nachbarschaftskriegen unter Hauseigentümern, die sich ihre Hütten allesamt mit günstigsten Krediten finanziert haben und die sie, wie wir alle inzwischen wissen, bald nicht mehr bedienen können, von Katzenliebhabern, denen es vollkommen egal ist, ob diese Vögel killen, das gehört eben zur Freiheit, von dem Griff nach dem Öl, als „Enduring Freedom“ nach außen und innen etikettiert, von emotionalen Gedanken bezüglich des 11. September, die im Zuge der Berichterstattung bei in sicherem Abstand befindlichen Menschen eher Unbehagen als Anteilnahme auslösen, von Versäumnissen und Missverständnissen untereinander…  von all dem handelt dieses Buch, und noch viel mehr.

„Freiheit“ ist beeindruckend und eines der wichtigsten Bücher, welches ich in jüngster Vergangenheit gelesen habe. Weltliteratur! Nach über 700 Seiten stellt sich mir die Frage: Wer schreibt DEN entscheidenden Gesellschaftsroman über uns Deutsche, und vor allen Dingen wann wird er geschrieben?

 ISBN-10: 349802129X
ISBN-13: 978-3498021290
erschienen am 08.09.2010
736 Seiten
Rowohlt Verlag